Er ist der Letzte seiner Art. Keiner hält die Fahne des europäischen Kunstkinos so unbeirrbar hoch wie der jetzt 75jährige Grieche Theo Angelopoulos. Zeitgeist und Kommerzdruck scheinen ihn nicht anzufechten; immer beengteren Produktionsbedingungen ringt er alle paar Jahr wieder eines seiner unverwechselbaren Geschichtsfresken ab, die Politik und Poesie in bedeutungsschwere Bilderfolgen zusammenführen. "Ich fühle mich nur in meiner Geschichte daheim – überall sonst bin ich ein Fremder." sagt der von Willem Dafoe gespielte Regisseur im neuen Film von Theo Angelopoulos und gibt sich damit als alter ego seines Erfinders zu erkennen.
Es ist dieser griechisch-amerikanische Regisseur, aus dessen Perspektive die von den weltgeschichtlichen Krisen des letzten Jahrhunderts geprägte Handlung erzählt wird. In den römischen Studios von Cinecittà dreht der Regisseur einen Film über seine Eltern; deren wechselvolle Biografie führt in Stalins sibirische Lager ebenso wie in das Amerika der Vietnamkriegsära. Im Berlin des ausklingenden Jahrhunderts finden alle Beteiligten wieder zusammen – mit teils unabsehbar tragischen Konsequenzen.
Vom Holocaust bis zum Terrorismus, von Stalin bis Watergate bleibt hier keine Katastrophe der jüngeren Zeitgeschichte ausgespart, und in der Tat droht die tragische Dreiecksgeschichte, der all diese historischen Schlüsseldaten aufgebürdet werden, unter dieser dramaturgischen Last mitunter zu ersticken. THE DUST OF TIME ist, sinnlos dies zu leugnen, gewiss nicht der allerbeste Film seines Regisseurs, doch auch unterhalb des Niveaus von zeitlosen Meisterwerken wie "Die Wanderschauspieler" (1975) und "Landschaft im Nebel" (1988) gelingen Theo Angelopulos Sequenzen von unvergesslicher Suggestivität.
Da symbolisieren surreale Grenzkontrollen das Lebensgefühl einer von Polit-Krisen zerrissenen Generation, da steht – in einer für Angelopoulos so typischen mehrminütig ohne Schnitt durchgehaltenen Totalen – eine stilisiert choreographierte Stalin-Trauerfeier für die eisige Erstarrung einer Ideologie und da enthüllt die Kamerafahrt durch ein verwüstetes Hotelfoyer allmählich das Abbild jenes Engels mit drei Flügeln, das sich als Sinnbild einer unerreichbaren politischen Utopie durch den Film zieht. Musikzitate von Beethoven bis zur Internationale durchwehen die Inszenierung, der beredte Großaufnahmen von Händen, die zum Abschied winken oder sterbend erschlaffen, berührende Intimität verleihen.
Dazu kommt ein denkbar prominentes Darstellerensemble, das sich ganz dem eigenwilligen Regiekonzept unterordnet: Der risikofreudige US-Star Willem Dafoe ("Antichrist") ist da noch der konventionellste Akteur, doch Michel Piccoli und Bruno Ganz (als die beiden um die zentrale Frauenfigur buhlenden Männer) hat man lang nicht mehr so zurückgenommen erleben dürfen. Lediglich die sonst so verlässliche Irene Jacob scheint mit der Doppelrolle als jugendliche Liebhaberin und weißhaarige Großmutter schon maskentechnisch überfordert.
Trotz einiger Schwächen darf dies indes als einer der absoluten künstlerischen Höhepunkte des heuer besonders tristen sommerlichen Filmangebots gelten; über die Arbeit von Theo Angelopoulos wird noch diskutiert werden, wenn so mancher kurzlebige Leinwandhit längst vom Staub der Zeit begraben ist.